15. Juli 2024

Christine Bürg

Wie Licht sich auf die Gesundheit auswirkt

Viel mehr als nur die Abwesenheit von Dunkelheit. Warum Licht eines der wichtigsten Lebenselixiere ist und wir öfter mal einen Trip ins „Blaue“ machen sollten

Lichtkunst von James Turrell

(c) Lech Zürs Tourismus by Florian Holzherr

Der Skyspace Lech des US-amerikanischen Künstlers James Turrell: Ein unterirdischer Farb-Licht-Raum auf 1780 Meter Seehöhe vereint Kunst und Natur

Schon Einzeller, die kleinsten Lebewesen überhaupt, streben darauf zu. Pflanzen wenden ihm ihre Blüten und Blätter zu. Und für den Menschen ist es eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Psyche und des Biorhythmus überhaupt. Es macht uns glücklich und munter, beruhigt und baut uns auf, es kann aber auch stressen, traurig und müde machen – vor allem dann, wenn es nicht oder zu wenig davon da ist.

 

Wie wichtig Licht für unser Wohlbefinden ist, merken wir vor allem dann, wenn es fehlt – in der dunklen Jahreszeit oder wenn der Himmel tage- oder gar wochenlang verhangen ist. Bei rund 20 Prozent der Menschen in Deutschland schlägt dieser Lichtmangel aufs Gemüt: Sie werden melancholisch und ziehen sich zurück.

 

Lichtmangel kann aufs Gemüt schlagen

 

Gepaart mit Antriebslosigkeit, chronischer Müdigkeit und Erschöpfung sind dies typische Anzeichen für eine „Seasonal Affective Disorder“ (SAD), die sogenannte Winterdepression. Sie tritt bei circa zwei Prozent der Bevölkerung auf. Da es sich um eine Form der Depression handelt, sollte sie auch ärztlich behandelt werden – unterstützt von einer Lichttherapie.

 

Dass Licht eine positive Wirkung auf Körper und Psyche hat, empfinden sogar manche Blinde. Trotz nicht funktionierender Zapfen und Stäbchen im Auge, über die wir Lichtreize wahrnehmen und das Gehirn mit Informationen über Helligkeit, Dunkelheit und Farben versorgt werden, passt sich ihre innere Uhr an den natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus an. Forscher vom Salk Institute for Biological Studies in San Diego gehen davon aus, dass die Betroffenen das Licht spüren.

 

Dieses Phänomen kennt jeder, der schon einmal in einem Ganzfeld des US-Künstlers James Turrell war. Ein gänzlich leerer Raum, der langsam mit sich änderndem Farblicht geflutet wird. Besucher beschreiben ein Gefühl der Orientierungslosigkeit und eines seltsamen Schwebezustands. Turrell selbst nennt dieses Erlebnis „mit den Augen fühlen“.

 

Überall auf der Welt bringt er Räume zum Glühen, holt er den Himmel mit seinen Skyspaces auf die Erde. Wie überwältigend und magisch seine Lichtinstallationen sind, kann man beispielsweise im Skyspace Lech auf der Tanegg (skyspace-lech. com) und seit vergangenem Jahr auch im Freisinger Diözesanmuseum (dimu-freising.de) erleben.

Eigentlich ist das Auge eines der am besten und längsten erforschten Organe. Wie das Sehen mit Stäbchen und Zäpfchen grundsätzlich funktioniert, ist seit mehr als 170 Jahren bekannt. Doch erst Anfang der 2000er-Jahre kam man dem zitierten Fühlen mit dem Auge wissenschaftlich auf die Spuren.

 

Lange schon hatte man die Vermutung, dass es eigentlich noch weitere Rezeptoren in der Netzhaut geben müsste. Den Anfang machte der amerikanische Neurobiologe George Brainard mit der Entdeckung von Ganglienzellen, die besonders auf Licht mit einem hohen Blauanteil reagieren. Der amerikanische Neurowissenschaftler David M. Berson schließlich fand in diesen Zellen das lichtempfindliche Pigment Melanopsin.

 

Gewissermaßen das Missing Link für biochemische Reaktionen des menschlichen Körpers auf Sehreize. Dieses Protein fungiert im Grunde als On/Off-Schalter für unsere innere Uhr. Es startet und senkt die Hormonproduktion, reguliert somit auch die Herzfrequenz, die Atmung und die Körpertempe-ratur. Erkennt es blaues Licht, also die typische Tageslichtfrequenz, wird die Ausschüttung des Schlafhormons Melantonin eingestellt.

 

Diese Entdeckung hat in den vergangenen Jahren auf verschiedensten Gebieten zu neuen Entwicklungen geführt – von der Schlafforschung in der Medizin bis zur Leuchtenindustrie, die sich die Blaulichterkenntnisse zu Nutze macht.

 

Licht braucht Schatten

 

Es gibt Räume, in denen wir uns spontan wohlfühlen, und andere, die ungute Gefühle in uns auslösen. Entscheidender Faktor kann hier auch das Licht bzw. die Beleuchtung sein. Denn: Hell allein macht nicht glücklich, entscheidender ist der Wechsel von Licht und Schatten. Ist ein Raum komplett ausgeleuchtet, fehlen die Kontraste. Unbewusst stellt sich ein Gefühl der Beklemmung ein. Was bedeutet das für die Lichtgestaltung – wie entsteht Wohlfühllicht?

 

Am besten durch einen Mix aus Strahlern, indirektem Licht und Lichtinseln, die Licht und Schatten erzeugen sowie Struktur und Tiefe verleihen. Deshalb braucht jeder Raum verschiedene Lichtquellen. Im Essbereich zum Beispiel eine oder mehrere Leuchten über dem Tisch, verstellbare Stehleuchten so-wie Deckenstrahler oder -fluter.

 

Außerdem sollte das Licht gebündelt sein und nicht diffus, wie beispielsweise das von Leuchten mit satiniertem Glas. Farben kommen so stärker zur Geltung und sind ebenso brillant wie in Sonnenlicht. Für den Wohlfühleffekt ist es außerdem wichtig, nicht ins Dunkle zu blicken. Bedeutet: Alles, was sich im Sichtfeld befindet – das kann beispielsweise auch der Flur sein, wenn man am Tisch sitzt – sollte beleuchtet werden.

 

 

Wie setzt man Licht ideal ein?

 

Jeder kennt das aus dem Straßenverkehr: Werden wir geblendet, empfinden wir das als unangenehm, werden auf Dauer müde und unkonzentriert. Deshalb haben Lampen, in deren Licht wir hineinschauen, in der Wohnung oder im Büro nichts zu suchen. Während am Essplatz punktgenaues Licht ideal ist, weil es das Essen perfekt in Szene setzt, sollte der Schreibtisch in Licht getaucht werden, das den Tisch gleichmäßig ausleuchtet und keine Schatten wirft.

 

Für Atmosphäre sorgt in beiden Fällen indirektes Raumlicht, das die Decke oder die Wand stellenweise aufhellt. Lichtplaner schwören auf dimmbare Leuchten, deren Licht man der Tageszeit und nach Bedarf anpassen kann. Morgens beispielsweise oder wenn wir aktiv sein möchten, benötigen wir helleres Licht, während wir bei kleinerer Lichtmenge automatisch in den Ruhe- oder Entspannungsmodus umschalten.

 

Auch die Licht- bzw. Farbtemperatur ist entscheidend, die in Kelvin (K) gemessen wird. Als Richtlinie gilt: Je höher die Kelvinzahl, desto bläulicher und somit kälter ist das Licht. Tageslicht entspricht 5.000 Kelvin (oder mehr) und wird unter anderem für die Lichttherapie verwendet.

 

Sogenanntes Kaltweiß (3.500 bis 5.000 Kelvin) kommt dem morgendlichen Sonnenlicht nahe und wird häufig in Büros eingesetzt, weil es die Aufmerksamkeit und Konzentration fördert; im Homeoffice dagegen reichen 3.000 Kelvin in der Regel aus. Für Wohn- oder Esszimmer ist warmweißes, einladendes und entspannendes Licht von 2.700 Kelvin oder weniger ideal.

 

Licht als Stimmungsbooster

 

 

Licht ist unser innerer Taktgeber. Wird es morgens hell, signalisieren die lichtempfindlichen Zellen in der Netzhaut dem Gehirn, weniger Melatonin (auch als Schlafhormon bekannt) auszuschütten. Sind wir nachts Kunstlicht ausgesetzt (weil wir da regelmäßig arbeiten) oder fehlt im Winter Tageslicht, gerät der Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander.

 

Die Folge: Man fühlt sich permanent müde, oft antriebslos. Und genau hier setzt die Lichttherapie an. Mit sogenannten Lichtlampen soll der Mangel an (Sonnen-) Licht ausgeglichen werden. Die Geräte strahlen sehr helles, weißes Licht aus, etwa 100-mal stärker als eine herkömmliche Glühbirne. Mit 6.500 Kelvin und einer Stärke von rund 10.000 Lux entspricht es dem natürlichen Tageslicht.

 

Menschen, die an einer Herbst-Winter- Depression leiden, wird zur Therapieunterstützung eine 30minütige Lichtdusche empfohlen. Direkt nach dem Aufwachen soll sie die Melatoninausschüttung stoppen und die Produktion des Serotonins ankurbeln – jenes Hormons, das Glücksgefühle auslöst und die Laune hebt.

 

Bei mehr als der Hälfte der Patien:innen ist nach zwei bis fünf Tagen ein positiver Effekt spürbar, der rund eine Woche anhält. Trotzdem sind sich Wissen-schaftler uneins, ob oder inwieweit eine Lichttherapie hilft, die Stimmung auf-zuhellen. Schaden, darin sind sich alle einig, tut sie jedenfalls nicht.

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