21. March 2023

Dominik Pförringer

Doktor Feelgood versus Professor KI

Fluch oder Segen? Die Digitalisierung in der Medizin sorgt für heftige Diskussionen. Der Arzt und Digital-Pionier Dominik Pförringer plädiert für das Beste aus zwei Welten: Künstliche Intelligenz + empathische Menschlichkeit

© Janine Sametzky

© Janine Sametzky

„Die Technik lässt etwas zu, also macht der Mensch es”

Die Digitalisierung ist omnipräsent und aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Der Homo sapiens ist zum Homo semi-digitalis geworden. Ob und inwiefern dies eine Entwicklung nach oben oder unten darstellt, das liegt im Auge des Betrachters. In erster Linie steht eine laufend wachsende Menge an Daten jederzeit und überall zur Verfügung. Jedes Kind kann an praktisch jedem Ort präzise sagen, wer wann auf dem Mond gelandet ist oder wie viele Einwohner Castrop-Rauxel hat. Doch ist das per se schon Intelligenz, ist das hilfreich, löst das ein Problem? Das sind Fakten, Zahlen, reine Daten.

 

Daten werden oft fälschlicherweise als das Öl des 21. Jahrhunderts bezeichnet – de facto stellen sie das Rohöl dar. Konkret gesagt: den Stoff aus dem der Mensch mit Hirn und Kreativität etwas raffinieren, sprich weiterentwickeln kann. Ähnlich verhält es sich mit Gesundheitsdaten, beispielsweise mit Laborwerten oder Bilddaten. Erst der Gesamtkontext, der Hintergrund und vor allem die Erfahrung ermöglichen es, daraus etwas Sinnvolles abzuleiten. In vielen Situationen ist die Dynamik entscheidend, nicht der einzelne Punktwert. Erst der Blick des erfahrenen Arztes, die Einschätzung des versierten Mediziners erlaubt es, das Gemessene zu interpretieren und auf Basis einer intelligenten Analyse eine fokussierte Therapie zu initiieren.

Dr. Dominik Pförringer

PD Dr. Dominik Pförringer ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in München und Gründer des Digital Health Summit, der alljährlich im November in München stattfindet. Seit Jahren setzt er sich für Innovation durch Digitalisierung im Gesundheitswesen ein

Aufklärung und Wissen

 

Nun liegt es in der Natur des Menschen, Neues mit Faszination anzupacken, aufzugreifen und daraus zu gestalten. Dies geschieht oft in einer derartigen Geschwindigkeit, dass Sinn und Logik auf der Strecke bleiben können. Es werden Dinge berechnet, es werden Zahlen aggregiert, die eventuell gar nicht zusammenpassen. Dabei werden Kausalität und Korrelation oft verwechselt. Denken wir dabei an den Satz: „Mit steigendem Speiseeiskonsum steigt das Waldbrandrisiko“ – an und für sich nicht falsch, nur nicht kausal voneinander abhängig, jedoch korrelierend.

 

Die Technik lässt etwas zu, also macht es der Mensch. Hinterfragt wird der Sinn oft erst später. Im heiligsten aller Felder, der Heilkunst, lösen neue Entwicklungen oft ungeahnte Ängste und Ressentiments aus. Menschen fühlen sich bedroht, alleine gelassen und es entstehen Ängste vor der Welle der Innovation. Doch vergleichbar zur technischen Entwicklung fußen diese Ängste oft auf einem Mangel an Hintergrundwissen. Im Bereich der digitalen Innovation der Medizin fehlt es dem Gros an einem durchgreifenden Verständnis. Bad news travel fast – Horrormeldungen und Hiobsbotschaften verbreiten sich rasch. Es wird zu selten Positives berichtet.

 

Selten lesen wir: „Patient aufgrund von Algorithmus effizienter therapiert.“ Oder: „Datensatz rettet Patienten“. Doch exakt das trifft oft zu, exakt das nimmt zu. Spätestens wer sich beispielsweise mit einem Thema wie „Next Generation sequencing“ eines Tumors befasst, der weiß, wie heilungsentscheidend Daten sind und ist froh und dankbar, dass wir uns dieser Technologie bedienen.

 

 

Lebensgefährlich vs. lebensrettend

 

Dies bringt uns zum heiligen Gral und bedauerlicherweise einem der Lieblingsthemen der Deutschen: dem Datenschutz. Vielerorts formulieren Mediziner es bereits drastisch und deutlich: „Datenschutz ist tödlich“. Denn tagtäglich fehlen Ärzten Informationen für die adäquate Therapie von Patienten. Diese Daten existieren zwar, sie sind nur nicht verfügbar. Entweder weil sie geschützt werden, oder weil sie nicht transportiert werden. Intelligente Köpfe wünschen sich ein Datenverkehrsgesetz, um die Begrifflichkeit a priori offener zu formulieren und damit eine proaktivere Herangehensweise zu ermöglichen.

 

Vereine wie „Data Saves Lives“ weisen aus der Patientenperspektive auf die positiven Potenziale der Daten hin. Jedes Haustier in Europa wird gechippt, erhält einen Datenspeicher unter die Haut, um den Europäischen Heimtierausweis zu erlangen. Viel zu wenige Menschen tragen einen vergleichbaren Chip, der Leben retten kann, indem er für den Notfall lebenswichtige Informationen transportiert und dadurch die Diagnostik und Therapie beschleunigt und sicherer macht. Allein schon der Vorschlag sorgt vielfach für Entrüstung. Aus meiner Sicht verhält es sich ganz ähnlich wie mit der Organspende: Sobald ausreichend Menschen freiwillig mitmachen, entsteht daraus ein enormer Mehrwert. Doch exakt da liegt die Krux: in der Freiwilligkeit.

 

Solange wir keinen Standard haben, solange es ein ausdrückliches Opt-in bleibt und nicht zum Opt-out wird, haben wir zu wenige Menschen an Bord. Ein erfreulicher Blick nach Österreich: Dort sorgt eine Opt-out-Regelung – also alle sind Spender, solange sie nicht schriftlich widersprechen – dafür, dass ein ausreichendes Angebot an Spenderorganen zur Verfügung steht.

Hallo Co-Pilot!

 

Doch bei allem Sinnieren über Daten und deren Nutzen darf die Frage nach dem tieferen Sinn nicht auf der Strecke bleiben. Für wen tun wir all das? Aus meiner Sicht für die Hauptpersonen: die Patienten. Moderne Mediziner sehen in der Digitalisierung ihren intelligenten Co-Piloten, keine Bedrohung. Es wird in der Zukunft nicht mehr die Frage gestellt werden, ob jemand Digitalisierung ermöglichen möchte, es wird deutlich präziser zugehen: Wer wird noch zu einem Arzt gehen, der rein analog unterwegs ist? Vergleichbar zu einem Verkehrsflugzeug ohne Autopiloten als Unterstützung, wird kaum ein Patient allein dem Arzt vertrauen, sondern stets wissen wollen, durch welche Technik sich der Arzt unterstützen lässt. Bereits heute erleben wir das am Beispiel des DaVinci-Roboters bei spezifischen chirurgischen Eingriffen.

 

Wir sind nah dran am Ziel der Digitalisierung, insofern dass der Arzt durch digitale Helferlein wieder mehr Zeit für seinen Patienten hat. Kein Arzt sollte seine Zeit an einer Tastatur verschwenden, sondern jede Sekunde mit ungeteilter Aufmerksamkeit auf den Patienten verwenden. Digitalisierung wird den Arzt nicht ersetzen, jedoch wird der digital arbeitende Arzt den rein analogen überholen.

 

 

Die Kunst des Heilens

 

Bei aller Affinität zur Technik ist es wichtig, den Fokus auf die Menschlichkeit zu legen. Der Austausch, das Gespräch, die aufmunternden Worte, die empathische Begleitung, das Nehmen von Ängsten und das Ausstrahlen von Zuversicht – all das kann und darf nie eine künstliche Intelligenz übernehmen. Das ist die unersetzbare Aufgabe des Menschen, des Arztes. Und das erklärt auch, wieso diejenigen, die stets nur Ängste schüren, sei es in Bezug auf Pandemien oder auf Klimaszenarien, isoliert und ignoriert werden. In diesem Sinne gilt es Ängste abzubauen und sich auf positive Beispiele zu konzentrieren. Jeder Mensch, dem die Technik helfen kann, wird dankbar für diese Möglichkeit sein und von seinen Erlebnissen und seiner digital gestützten Salutogenese gerne berichten. Technik setzt sich dann durch, wenn sie Hürden abbaut und Prozesse vereinfacht, statt Komplexität zu steigern. Erfolgreiche Heilkunst beruht auf dem intakten Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Um es mit dem Kardiologen Bernard Lown zu sagen: „Die Heilung funktioniert am besten, wenn Kunst und Wissenschaft vereint werden, wenn Körper und Geist gemeinsam erforscht werden.“

Lesetipps

LESETIPPS:
Prof. Dr. Jochen Werner: „So krank ist das Krankenhaus“, Klartext Verlag. Prof. Dr. David Matusiewicz: „Smarte Medizin“, Hogrefe Verlag. Bernard Lown: „Die verlorene Kunst des Heilens. Anleitung zum Umdenken“, Suhrkamp Verlag. Mark Vonnegut: „The Heart of Caring : A life in pediatrics“, Seven Stories Press

Die größte Aussicht auf Erfolg haben somit jene Technologien, die sich rein um das Wohl des Patienten drehen und den Arzt in seiner Heilkunst unterstützen, ohne dabei in den Vordergrund oder gar zwischen Arzt und Patient zu treten. Bleiben wir optimistisch in unseren Erwartungen und lassen ein sinnvolles Augenmaß walten, wenn es um die Zukunft der Medizin geht. Es wird sich die Technik durchsetzen, die dem Patienten und dem Arzt hilft, und alles horrible, was uns sonst gepredigt wird, wird wieder verschwinden. Weil der Mensch den Menschen will und die Maschine dabei als Hilfskraft nimmt, nicht als Ersatz für das persönliche Gespräch.

 

Wie Abraham Lincoln schon wusste: „Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen ist der, sie selbst zu gestalten“ – in diesem Sinne rate ich allen Ärzten und Patienten, die eine Idee zur Verbesserung des Gesundheitswesens haben, diese auch versuchen, umzusetzen und dadurch vom Therapeuten der Gegenwart zum Erschaffer der Zukunft zu werden.

Dominik Pförringer

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